Ein Abenteuer mit KI fertig stellen
KI kann mir das Schreiben von Abenteuern definitiv nicht abnehmen - aber sie kann Ideen anreichern und meine eigene Fantasie anregen.
Vor einer Weile haben wir unsere Hamburger Dresden Files RPG Runde neu aufgelegt: Die lange gespielten Charaktere hatten ein Machtniveau erreicht, bei dem das Regelwerk kaum noch sinnvoll mitmachte, und waren auch in vielerlei Hinsicht "auserzählt".
Nun spielen wir mit frischen Charakteren im hanseatischen Lübeck um 1350 herum: Die Welt ist kleiner, weniger elektronisch, die Probleme lokaler und das Flair eben mittelalterlich denn modern-urban.
Letzten Dienstag stellte ich dann die Frage, wer in 5 Tagen die nächste Runde leiten würde:

Kurze Zeit später verkündete ich dann Erfolg:

Der Knochen kam aus meiner eigenen Fantasie, viel Fleisch als erstes Experiment von Copilot und der Rest, die Haut und das Fell waren dann viel Nachbearbeitung und glattziehen per Hand. Und so kam alles zusammen:
Ein Abenteuer entsteht
Die grundlegende Idee, der "Knochen" also, war ein klassisches Märchendilemma: Ein Händler hat etwas gekauft, dass viel gefährlicher war, als er dachte.
In meinem Fall war es eine Fuhre Bienenwachs. Bienenwachs war in der Hansezeit ein wichtiges und lukratives Handelsgut. Nicht nur weil Kerzen per se eine gute Lichtquelle waren, sondern vor allem für die kirchliche Liturgie waren Kerzen ein essentieller Bestandteil. Hanseatische Händler kauften Wachs "en gros" in Russland ein und verschifften es nach Westeuropa.
Für das Abenteuer hatte also ein Händler Wachs gekauft, dass tatsächlich von Feen stammte und damit magische Eigenschaften aufweist. Die sollten dann also in der Stadt für Probleme sorgen, um die sich die Spielergruppe dann kümmern konnte.
Um meine eigene Fantasie in Gang zu bringen fragte ich dann Copilot um Rat: Welche problematischen Eigenschaften könnten solche Feenkerzen haben?
Die ersten Antworten ("sie verbrennen Erinnerungen") waren schon vielversprechend, aber Copilot hatte für mein Empfinden viel zu hochmagische Ideen. Unser Lübeck ist schon zumindest auf den ersten Blick sehr normal und geerdet.
Aber ich konnte gut auf den Ideen der KI aufbauen und endete mit einem guten Satz an Setzungen:
Was bisher geschah
Aldric Voss, ein vorsichtiger mittelalterlicher Kaufmann, ist stolz darauf, Schnäppchen vor allen anderen zu entdecken. Auf einem belebten Flussmarkt nahe Novgorod kauft er mehrere Fässer feinstes Kerzenwachs. Aldric verkauft das Wachs in Lübeck weiter an einen Meister-Kerzenzieher.
Das Wachs stammt jedoch von Bienen aus dem Nevernever, wo die Insekten Nektar von Mondblumen sammeln. Die Kerzen brennen mit einem unnatürlich schönen Licht, doch jede Flamme trägt Magie in sich: Erinnerungen schwinden dahin, bis tatsächlich der Mensch selbst ins Nevernever verschwindet und von Bekannten und Familie vergessen wird, bis er nie existierte...
Aldric selbst ist das erste Opfer, seit einigen Wochen ist er nun im Feenreich. Und inzwischen hat sich ein Feen-Imker namens Distelhut auf die Suche nach dem gestohlenen Wachs gemacht. Für die Feen ist das Wachs kostbar, und jede abgebrannte Kerze schwächt die Bienenstöcke.
Die verfluchten Kunden leiden unter unterschiedlichen Auswirkungen, je nachdem, wie lange sie die Feenwachs-Kerzen verwenden. Das Problem erscheint also zunächst wie eine Reihe von nicht miteinander verbundenen Krankheiten.
Der Fluch des Wachses
Nachdem sie eine Kerze für einige Stunden angezündet haben, erleben die Menschen subtile Veränderungen:
- Sie vergessen kleine, aber wichtige Details, wie zum Beispiel, wo sie Wertsachen hingelegt haben oder welche Versprechen sie gegeben haben.
- Vertraute Orte wirken seltsam fremd.
Die meisten Betroffenen führen dies auf Stress, das Alter oder Pech zurück.
Zunehmender Fluch
Denen, die die Kerzen regelmäßig abbrennen, geht es immer schlechter:
- Kostbare Erinnerungen beginnen, für immer zu verschwinden.
- Gelegentlich gleiten die Betroffenen, ohne es zu merken, ins Nevernever, wandern durch verzauberte Haine und kehren Stunden später zurück, ohne sich daran zu erinnern, wo sie gewesen sind.
- Sie entwickeln einen unwiderstehlichen Drang, die Kerze weiter brennen zu lassen, selbst wenn sie Angst vor deren Auswirkungen haben.
Die schlimmsten Fälle
Die Mondbienen aus dem Feenreich sind nicht bloß Insekten, sondern Hüterinnen der Erinnerung und der Zugehörigkeit. Nutzt man die Kerzen lange genug überzeugt das Wachs die Realität nach und nach davon, dass das Opfer ins Nevernever gehört.
Die Folge:
- Familie und Freunde beginnen, die Existenz des Opfers zu vergessen.
- Schriftliche Aufzeichnungen verblassen, Namen verschwinden aus den Rechnungsbüchern, und Porträts verschwimmen.
- Das Opfer wird im Mondlicht zunehmend durchscheinend.
- Schließlich gelangen sie vollständig ins Land der Feen und finden den Weg nach Hause nicht mehr.
Dort werden sie zu „Wanderern des Bienenstocks“, verlorene Seelen, die zwischen verzauberten Wiesen und riesigen Wabenwäldern umhertreiben.
Das eigentliche Abenteuer
Ich baue Abenteuer immer als Netzwerk von Orten, Geschehnissen, Motivationen und Beziehungen. Ohne da jetzt alle Details aufzumalen, so sah es grob für dieses Abenteuer aus:

Das Diagramm zeigt mir welche möglichen Abenteuereinstiege ich wählen kann, was unter welchen Umständen passiert, und wie Personen und Orte zusammenhängen.
(Ich habe das Netzwerkdiagramm hier zensiert, weil es KI-generierte Bilder enthält. Und ich weiß eben nicht, woran die KI sich hier bedient hat. Es ist eine Sache, wenn ich solche Bilder am Tisch als Illustration für einen kleinsten Kreis verwende, aber eine ganz andere, wenn ich sie öffentlich in das Internet stelle. Dinge, die ich veröffentliche, enthalten eben bewusst nur das, was ich selbst gemacht habe, bzw. von Leuten erhalten habe, die mir das schenken oder dafür Geld von mir bekommen haben.)
Ich ließ mir von Copilot Anregungen und Bilder für diverse Figuren aus dem Lübecker Alltag geben, und Spielwerte für die Antagonisten:
- den Feenhüter Distelhut, der wirklich nur das Wachs wieder einsammeln will
- seine "Helfer"
- die Honighunde, die der Spur vom Wachs nachjagen
- die Laternenspinner, große Motten, die die Häuser der "Wachsdiebe" für Distelhuts weitere Helfer markieren
- die Wachslinge, die das Wachs tatsächlich einsammeln - und sich vereinigen können, in den...
- ...Wachsheiligen. Ein riesiges Wesen aus Wachs mit brennenden Kerzen in den Augenhöhlen, dass in blinder Wut die Wachsdiebe bestraft
Gerade, dass Copilot für ein nicht soo mainstreamiges Spiel wie das Dresden Files RPG komplette Charakterbögen für Gegner erstellen konnte fand ich schon ziemlich beeindruckend. Die waren beileibe nicht komplett fehlerfrei, aber sie gaben mir gute Ideen für die Fähigkeiten der Feen. Für mein doch häufig eher hemdsärmeligen SL-Stil war es ausreichend - für ein "offizielles" Abenteuer aber eher untauglich.
Am Ende warf ich viele der Vorschläge zur Seite, verknüpfte NSCs neu und füllte Lücken, um insgesamt ein rundes Abenteuer zu bekommen. Ich sorgte dafür, dass der Einstieg des neuen Abenteuers genau wie das letzte Abenteuer, dass vor einem Monat von Lena geleitet wurde, wieder in einer Kirche anfing undarbeitete Verknüpfungen zu den Charakteren der Gruppe ein.
Im Ergebnis hatte ich doppelt so viele NSCs wie ich tatsächlich gebraucht hatte, und einige Nebenstränge sind gar nicht angespielt worden. Aber es gelang mir die Grundidee ("Gefährliches Handelsgut aus übernatürlicher Quelle") gut zu verwursten und vor allem die Feen-Antagonisten als wirklich anders auszuarbeiten. Gerade das moderne Dresden Files Setting neigt dazu, Feen als sehr menschenähnlich darzustellen.
So hatte ich mit Distelhut und seinem Gefolge aber Wesen, die sich märchenhaft und fremd anfühlten. Es war kein Abenteuer mit Kampfelementen, aber die Gruppe fühlte eine große Gefahr für die Stadt, und hatte dementsprechend viele Hebel eingesetzt.
KI kann mir das Schreiben von Abenteuern definitiv nicht abnehmen - aber sie kann Ideen anreichern und meine eigene Fantasie anregen.